Langzeitarbeitslosigkeit – ein verdrängtes Phänomen

Die Finanz- und Wirtschaftskrise ist auch am österreichischen Arbeitsmarkt nicht spurlos vorbeigegangen. Selbst Oberösterreich hat mit der höchsten Arbeitslosigkeit der zweiten Republik zu kämpfen. Eine problematische Entwicklung wird medial jedoch sehr vernachlässigt: Der massive Anstieg derLangzeitarbeitslosigkeit. Zur PDF-Version

Wer gilt als langzeitarbeitslos?

Folgt man der Definition des Arbeitsmarktservices (AMS) gilt eine Person als langzeitarbeitslos, wenn sie über ein Jahr arbeitslos gemeldet ist und in diesem Zeitraum keine „Unterbrechung“ länger als 28 Tage vorliegt. In der Praxis bedeutet dies: Geht jemand zwar schon seit über einem Jahr keiner Beschäftigung mehr nach, besuchte aber eine 5-wöchige Schulungsmaßname (35 Tage), gilt er/sie nicht als langzeitarbeitslos. Diese enge Definition beschreibt daher nur einen Teilausschnitt des Problemausmaßes. Aus diesem Grund wurde zusätzlich der Indikator „Langzeitbeschäftigungslosigkeit“ eingeführt. Hierbei werden alle Zeiträume mit dem Status:

  • arbeitslos
  • lehrstellensuchend
  • in Schulung
  • BezieherIn eines Fachkräftestipendiums
  • Abklärung der Arbeitsfähigkeit/Gesundheitsstraße
  • Schulung, Reha mit Umschulungsgeld

zusammengehängt, wenn keine Unterbrechung von mehr als
62 Tagen vorliegt. Als langzeitbeschäftigungslos gilt daher eine Person, wenn sie eine so berechnete Fall-Dauer von mehr als 365 Tagen aufweist. In Oberösterreich waren das im Jahr 2015 15.560 Menschen. Im Vergleich zum Vorkrisenjahr 2008 ist das fast eine Vervierfachung.

Ein Teufelskreis

Langzeitarbeitslosigkeit betrifft häufig Menschen, die wenig beschäftigungsfähig und in vielen Fällen mehrfach benachteiligt sind. So haben geringqualifizierte Personen und Drittstaatsangal grafikehörige in der Europäischen Union ein doppelt so hohes Risiko, langzeitarbeitslos zu werden. Ähnliches gilt für Menschen mit gesundheitlichen Beeinträchtigungen, ältere Personen und benachteiligte Minderheiten. Sie stecken oft in einem Teufelskreis. Einerseits weist ein Großteil der Betroffenen Eigenschaften auf, die eine Integration in den Arbeitsmarkt ohnehin schwer ermöglichen. Andererseits wirkt auch die Dauer der Arbeitslosigkeit zusätzlich erschwerend. Es gilt, je länger eine Person arbeitslos ist, desto schwieriger wird es für sie eine neue Stelle zu finden, weil sie ihre Fähigkeiten mit der Zeit verliert.

 

Seit der Pionierstudie „Die Arbeitslosen von Marienthal“ von Jahoda/Lazarsfeld/Zeisel sind die weitreichenden Folgen von langanhaltender Arbeitslosigkeit bekannt. Sie führt vor allem zu Resignation, Apathie und sozialer Isolation. Je länger die Arbeitslosigkeit andauert, desto höher ist auch das Risiko der Armutsgefährdung. Liegt das Armutsrisiko bei Menschen, die bis zu fünf Monate arbeitslos sind, noch bei 21 Prozent, so liegt es bei langzeitarbeitslosen Menschen mit 45 Prozent mehr als doppelt so hoch (EU-Silc 2014). Außerdem trägt Langzeitbeschäftigungslosigkeit dazu bei, dass Armut an die Kinder in Erwerbslosenhaushalten „vererbt“ wird.

Eine Doppelstrategie ist notwendig

Zur Senkung der Langzeitarbeitsarbeitslosigkeit ist eine Kombination von koal grafik 2njunkturbelebenden Maßnahmen und aktiver Arbeitsmarktpolitik notwendig. Zum einen hängt die Anzahl an Langzeitarbeitslosen bzw. die Verweildauer in der Arbeitslosigkeit von der allgemeinen Arbeitsmarktentwicklung ab. Dies bedeutet, wenn es durch aktive Konjunkturpolitik – z.B. durch öffentliche Investitionen in den Ausbau der Sozial- und Bildungsinfrastruktur gelingt, Arbeitslosigkeit generell zu senken, dann wird bis zu einem gewissen Grad auch die Langzeitarbeitslosigkeit sinken. Aber die Konjunkturpolitik alleine reicht nicht aus, da eine lange Dauer der Arbeitslosigkeit bei den Betroffenen zu Dequalifizierung, gesundheitlichen Beeinträchtigungen oder auch zu Demotivation führen kann, womit sich die Wiedereingliederungschancen – selbst bei vorhandenen Arbeitsplätzen – deutlich reduzieren. Hinzu kommt ein diskriminierendes Verhalten von Unternehmen gegenüber Langzeitarbeitslosen und im speziellen gegenüber Älteren. Die aktive Arbeitsmarktpolitik kann diesen Phänomenen entgegenwirken, indem Zeiten der Arbeitslosigkeit sinnvoll für Weiterbildungen genutzt werden. Tagestruktur und regelmäßige Kontakte verhindern Resignation sowie Demotivation. Auch Unternehmen gilt es in die Pflicht zu nehmen, unter anderem dann, wenn sie ältere Arbeitslosen keine Chance geben. Das ist zum Beispiel durch ein spürbares Bonus-Malus System möglich. Letztendlich braucht es aber für bestimmte Zielgruppen vermehrte öffentliche Beschäftigungsangebote und sozialökonomische Betriebe sowie gemeinnützige Beschäftigungsprojekte. Angesichts der enormen Knappheit an Arbeitsplätzen ist es notwendig, dass der Staat als „employer of last ressort“ agiert und für Langzeitarbeitslose durch Beschäftigungsgarantien würdevolle Perspektiven eröffnet.

Und was macht Österreich?

Trotz steigender Herausforderungen am Arbeitsmarkt wurden bisher die Budgetmittel des AMS für aktive Arbeitsmarktpolitik, insbesondere für Schulungsangebote nicht erhöht. Dadurch hat sich zwangsläufig die Zahl der SchulungsteilnehmerInnen reduziert. Der Anstieg der langzeitarbeitslosigkeit steht mit dem Rückgang an Schulungen und dem damit verbundenen bewussten Strategiewechsel der österreichischen Arbeitsmarktpolitik in Zusammenhang: Ein besonders starker Rückgang der Schulungsintensität ist seit dem Jahr 2013 zu beobachten. Ab diesem Zeitpunkt ist auch ein Emporschnellen der Anzahl der Langzeitarbeitslosen bzw. der Langzeitbeschäftigungslosen zu beobachten. Anstatt also Präventions- und Aktivierungsmaßnahmen auszubauen und spezielle Maßnahmen für langzeitarbeitslose Personen zu etablieren, wird das Phänomen Langzeitarbeitslosigkeit mit all ihren negativen Folgen ignoriert und die Betroffenen werden im Regen stehen gelassen.

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