Gemeinschaftsgetragene wirtschaftliche Transformation. Ein politischer Handlungsrahmen.

Wo wirtschaftliche Perspektiven schwinden, wächst die Anfälligkeit für systemkritische Strömungen. Regional getragene Strategien können dem effektiv entgegenwirken. Von John Austin. Zur PDF-Version.

Die politische Instabilität in vielen etablierten Demokratien hängt eng mit anhaltenden regionalen wirtschaftlichen Ungleichheiten zusammen. Bewohner: innen von Regionen, die durch wirtschaftlichen Strukturwandel benachteiligt sind, reagieren häufig mit Verärgerung, Desillusionierung und einer erhöhten Anfälligkeit für systemkritische, mitunter auch antidemokratische politische Bewegungen und Führungspersönlichkeiten. Die Erfahrung zeigt aber, dass wirtschaftliche Erneuerung in altindustriellen und ländlichen Räumen grundsätzlich möglich ist – und zwar ungeachtet der Größe einer Region und ihrer historisch gewachsenen ökonomischen und sozialen Struktur. Entscheidend sind vielmehr Entwicklungspfade, die auf vorhandenen lokalen Ressourcen und Identitäten aufbauen und in lokaler Verantwortung verankert sind.

Der holprige Übergang von der „alten“ zur „neuen“ Wirtschaft

In vielen Ländern des Globalen Nordens zeigt sich trotz vieler Unterschiede ein vergleichbares Muster regionaler Entwicklung: von ländlich agrarisch geprägten Strukturen über rohstoffbasierte und industrielle Ökonomien hin zu einer (digitalen) Wissens- bzw. Dienstleistungsgesellschaft. Dieser Transformationsprozess verläuft selten reibungslos. Dem industriellen Aufstieg folgt oft ein tiefgreifender Niedergang bis hin zu Beschäftigungs- und Bevölkerungsverlusten sowie Prozessen räumlicher und sozialer Erosion.

Teile der Bevölkerung bleiben dabei in veränderten ökonomischen und sozialen Strukturen zurück – mit teils erheblichen politischen Folgen. Ihre Reaktion auf diese Entwicklung ist häufig Unzufriedenheit gegenüber der Gegenwart und Nostalgie gegenüber der Vergangenheit. Sie lassen sich vergleichsweise leicht dazu bewegen, für ihre Frustration auf Sündenböcke zu zielen – wie etwa als „woke“ wahrgenommene urbane Eliten, Migrant:innen oder Vertreter:innen der LGBTQ-Community. Wenn zur wirtschaftlichen Unsicherheit das Gefühl kommt, den gesellschaftlichen Anschluss verloren zu haben, verstärkt sich dieses Narrativ noch.

Selbst in Staaten, die lange Zeit als stabile Demokratien galten, begünstigt der wirtschaftliche Niedergang das Erstarken illiberaler politischer Akteur:innen mit antidemokratische Agenden, wie der Bericht „The Great Convergence: The Race to Save Democracy“ des Eisenhower Institute (2024) darlegt.

Zu ähnlichen Ergebnissen kommt eine Analyse der Europäischen Kommission. Besonders hohe Werte finden sich in Regionen, die in einer sogenannten „Entwicklungsfalle“ verharren – also in einer anhaltenden ökonomischen Krisenlage.

Menschen, Selbstbewusstsein und Region neu stärken

Regionen, die geprägt sind von wirtschaftlichem Niedergang und regionalen Disparitäten, verfügen aber grundsätzlich über das Potenzial, unter den Bedingungen der gegenwärtigen Wirtschaftsordnung neue Entwicklungschancen zu erschließen. Wie zahlreiche Fallbeispiele belegen, ist dabei vor allem entscheidend, an vorhandene lokale Ressourcen, Kompetenzen und Identitäten anzuknüpfen.

Die Ausbildung ortsspezifischer Strategien sowie die Verknüpfung unterschiedlicher Dimensionen wirtschaftlicher Entwicklung sind die wichtigsten Strukturmerkmale erfolgreicher regionaler Transformationsprozesse. Dazu zählen physische Infrastrukturen ebenso wie Faktoren wie Bildung und Qualifikation, Infrastrukturausstattung, Forschung und Entwicklung sowie Innovation. Ergänzt werden sie durch die „weiche Infrastruktur“ lokaler Wirtschaftsentwicklung, die Führungsfähigkeit lokaler Akteur:innen, wirksame Formen von Bürger:innenbeteiligung, strategische Kommunikation sowie den gezielten Aufbau institutioneller Kapazitäten.

Eine zentrale Rolle kommt einer kompetenten und lokal verankerten Führungspersönlichkeit zu, die mit den spezifischen Bedingungen vor Ort vertraut ist und sowohl die wirtschaftlichen Herausforderungen als auch den verletzten Stolz und die Zukunftssorgen der Bevölkerung ernst nimmt. Sie begegnet den Menschen auf Augenhöhe, vermeidet bevormundende Ansätze und verzichtet darauf, vorgefertigte Lösungen aufzudrängen. Stattdessen setzt sie auf schrittweises Vorankommen und sichtbare Verbesserungen im unmittelbaren Lebensumfeld.

So entsteht Vertrauen in die eigene Handlungsfähigkeit einer Region. Gleichzeitig fördern solche Führungsansätze ein neues, an Identität und Erfahrung anknüpfendes Narrativ der Hoffnung und eröffnen realistische Zukunftsperspektiven. Regionale Transformation ist damit weniger ein technokratisches Steuerungsproblem als ein langfristiger Prozess institutioneller und gesellschaftlicher Erneuerung.

Strukturdefizite und Reformbedarf in der Regionalpolitik

Im Transformationsprozess gilt es zudem, Defizite früherer politische Maßnahmen – oder deren Ausbleiben – zu berücksichtigen. In einigen Ländern wie den Vereinigten Staaten oder im Vereinigten Königreich fehlten über längere Zeiträume hinweg kohärente wirtschaftspolitische Strategien, die eine langfristige Finanzierung und einen verlässlichen institutionellen Rahmen für strukturschwache oder krisenbetroffene Regionen bereitgestellt hätten. In anderen Kontexten wie der Europäischen Union und anderen Staaten mit einer Tradition des sozialen Zusammenhalts, müssen Reformen die Schwächen bestehender Ansätze adressieren – etwa dort, wo Förderinstrumente durch eine starke Vorschreibungsorientierung geprägt sind, strategische Entscheidungen weitgehend vorgeben und nur unzureichend an lokales Wissen, lokale Prioritäten und bestehende Initiativen anschließen.

Nur wenn wirtschaftliche Erneuerung lokal verankert, langfristig angelegt und politisch ermöglicht wird, lassen sich wirtschaftliche Perspektiven und sozialer Zusammenhalt gleichermaßen stärken. Regionalpolitik erweist sich damit als ein zentrales Instrument zur Stabilisierung demokratischer Gesellschaften.

Prinzipien erfolgreicher regionaler Transformation

  • Eine koordinierte, ortsspezifische und mehrdimensionale Strategie, die auf verschiedenen Ebenen ansetzt: wirtschaftlich, bildungsbezogen, ökologisch sowie in Kunst und Kultur und sozialer Inklusion (bzw. Transformation).
  • Fokus auf lokaler Identität und vorhandenen Ressourcen, etwa Naturräumen, Hochschulen, kulturellem Erbe oder international wettbewerbsfähigen Leitunternehmen.
  • Lokale Entwicklung und Umsetzung statt externer Konzeption und Steuerung oder top-down vorgegebener Maßnahmen durch nationale und subnationale Regierungen – auch wenn diese wohlmeinend sind.
  • Sektorübergreifende Zusammenarbeit auf Basis tragfähiger öffentlich-privater Partnerschaften, ergänzt durch visionäre und zugleich effektive Führung sowie eine abgestimmte Koordination zwischen den Governance-Ebenen.
  • Erfolgreiche Regeneration stärkt gezielt die Handlungsfähigkeit lokaler Institutionen, Organisationen und Verwaltungen, um Planung, Steuerung und Umsetzung zu verbessern.
  • Einbindung der Bevölkerung in demokratische und integrative Entscheidungsprozesse zur Ausrichtung der lokalen und regionalen Erneuerung.
  • Langfristig angelegte Ressourcenausstattung, die Investitionen in zentrale lokale Vermögenswerte und den Kapazitätenaufbau ermöglicht und dabei „weiche“ und „harte“ Infrastruktur sinnvoll kombiniert.
  • Eine gezielte Fokussierung auf Regionen in nachweislicher wirtschaftlicher Notlage: Nicht jede Region benötigt externe Investitionen oder Unterstützung. Begrenzte Mittel sollten anhand klarer wirtschaftlicher und sozialer Indikatoren dorthin fließen, wo der Bedarf eindeutig ist.
  • Flexibilität und Anpassungsfähigkeit: Regionen und lokale Akteur:innen müssen eigenständig Strategien auf Basis ihrer spezifischen Ressourcen und Identitäten entwickeln und umsetzen können. Erneuerungsstrategien sollten daher keine starren Ausgabenvorgaben machen.

John Austin, Senior Fellow am Eisenhower Institute, Nonresident Senior Fellow an der Brookings Institution, Associate Fellow an der Academy of International Affairs – NRW; sowie Partner des Heartlands Transformation Network

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