Marie Jahoda ist als Ko-Autorin von Die Arbeitslosen von Marienthal weltweit bekannt geworden.[1] Die Studie ist 1933 erstmals erschienen. Vor dem Hintergrund der Weltwirtschaftskrise untersucht sie die sozialen Folgen der Arbeitslosigkeit. Das Ergebnis prägt noch heute Wahrnehmung und Verständnis von Arbeitslosigkeit. Das Problem ist nicht nur das materielle Elend. In dem betroffenen Dorf südlich von Wien erlahmte das gesamte soziale Leben. Die Studie spricht von einer „müden Gemeinschaft“. Jahoda muss 1937 Österreich aus politischen Gründen verlassen. Im Jahr 1938 führt sie eine weitere Studie über die Wirkungen von Arbeitslosigkeit in einem Kohlerevier in Wales durch.[2]

Erst sehr viel später, gegen Ende der 1970er Jahre, kommt Jahoda auf das Thema Arbeitslosigkeit zurück. In den westlichen Industrienationen ist Arbeit wieder zu einem knappen Gut geworden. In diesen Jahren wird Marienthal-Studie in den Vereinigten Staaten und in Deutschland neu aufgelegt und Jahoda publiziert eine Reihe von Aufsätzen und Büchern zum Thema Arbeit und Arbeitslosigkeit. Wie in den 1930er Jahren geht es ihr dabei nicht um abstrakte persönliche Forschungsinteressen, sondern um die Zuwendung zu einem drängenden Problem der gesellschaftlichen Realität. Und ähnlich wie damals sind Befunde und Argumente ihrer Arbeiten von Anteilnahme für die Betroffenen geleitet, ist sie nicht bloß analytische Betrachterin, sondern parteiische und öffentlich handelnde Wissenschaftlerin, die für Arbeitszeitverkürzung, Mitbestimmung und eine Verbesserung der Arbeitsbedingungen eintritt.

Die Erfahrung der Arbeit

Als Sozialpsychologin entwickelt Marie Jahoda ein breites Verständnis von Arbeit. Arbeit versteht sie nicht nur als ökonomische Notwendigkeit, nicht nur als „unveräußerliches Recht“, sondern als „das innerste Wesen des Lebendigseins“.[3] Arbeit ist mehr als Erwerbstätigkeit. Diese ist Arbeit, die durch vertragliche Bedingungen – darunter eine materielle Entlohnung – geregelt ist. Es gibt aber auch Arbeit, die nicht zu ökonomischen Zwecken verrichtet wird, wie etwa Kindererziehung oder Hausarbeit; und es gibt Arbeit, die ökonomischen Zwecken dient, aber nicht gesellschaftlich geregelt oder kontrolliert ist, beispielsweise im Rahmen von Schattenwirtschaft.

Die Erfahrung der Arbeit, so betont Jahoda, befriedigt tiefliegende menschliche Bedürfnisse, auch wenn sie mit Mühsal und unter schlechten Bedingungen ausgeführt werden muss. „Gleichgültig, ob man die Arbeit liebt oder hasst, sie ist in modernen Industriestaaten so organisiert, dass sie das tägliche Leben und Erleben der Beschäftigten notwendigerweise zutiefst beeinflusst.“[4] Es sind fünf zentrale Erfahrungen, die gesellschaftlich organisierte Arbeit so bedeutsam für die Beschäftigten machen:

  • Erstens erzwingt sie ein für die westliche Lebensform charakteristisches Zeiterlebnis, mit dem sie den Tag, die Woche, das Jahr und schließlich das ganze Leben in regelmäßige Perioden von Arbeit und Erholung gliedert.
  • Zweitens erweitert die Erwerbsarbeit den sozialen Horizont der Menschen. Am Arbeitsplatz ist es unumgänglich, über Familienangehörige und gute Bekannte hinaus mit anderen Menschen in Kontakt zu kommen, zu erfahren, was sie denken und fühlen, woran sie sich erfreuen und worunter sie leiden. Arbeit bereichert damit das Wissen um die soziale Welt, sie stellt eine praktische Bildungserfahrung dar.
  • Drittens demonstriert gesellschaftlich organisierte Arbeit, dass unsere materiellen Bedürfnisse, unser Wohlstand nicht auf das Werk einzelner zurückgeht, sondern aus der Zusammenarbeit von vielen erwächst. Damit wird uns vor Augen geführt, dass ein Kollektiv mehr erreichen kann als ein einzelner.
  • Viertens wirkt die Teilnahme am kollektiven Arbeitsprozess integrierend. Menschen werden dadurch in das gesellschaftliche Ganze eingegliedert, es wird ihnen ein Platz zugewiesen und damit eine soziale Identität ermöglicht.
  • Fünftens erzwingt die Erwerbsarbeit regelmäßiges und systematisches Tätigsein. Das fordert unseren Realitätssinn heraus und bindet uns an die Realität. In der Arbeit können und müssen wir unsere Wahrnehmungen, Fähigkeiten und Urteile täglich an der Wirklichkeit prüfen.

Es ist offensichtlich, dass aktuelle Debatten über Erwerbsarbeit diese grundlegende Bedeutung von Arbeit nicht erfassen. Unternehmen, Politik, aber auch viele Beschäftigte, verfolgen in der Regel einen ökonomischen Zugang, verfehlen aber die verborgenen Mechanismen der gesellschaftlich organisierten Arbeit. Unter diesem Gesichtspunkt sind Jahodas Perspektiven auf Arbeit in mehrfacher Weise anregend.

Was ist gute Arbeit?

Im Hinblick auf die Frage nach „guter Arbeit“ verweisen sie darauf, dass schlechte Arbeitsbedingungen nicht nur eine Verletzung der materiellen Interessen von Beschäftigten darstellen, sondern auch deren spezifisch soziales Potenzial verkümmern lässt. Überspannte Flexibilitätsanforderungen, Zeittakte und Leistungsvorgaben bedrohen die Möglichkeiten, in der Arbeit geregelte Zeitabläufe zu erfahren, Wissen und Verständnis über andere zu erwerben oder die sozialen Eigenheiten einer Arbeitsgruppe und die eigene Bedeutung innerhalb dieses Kollektivs zu verstehen.

Darüber hinaus geht es in Jahodas Konzept von Arbeit nicht alleine um Beschäftigungspolitik und die Produktion von Gütern und Dienstleistungen. Mit dem breiten – anthropologisch begründeten – Arbeitsbegriff bekommen Arbeit und Arbeitsbedingungen eine gesellschaftspolitische Dimension. Prozesse der gesellschaftlichen Organisation von Arbeit und Kooperation erscheinen als Miniatur des gesellschaftlichen Lebens. Erfahrungen, die Beschäftigte am Arbeitsplatz machen, reichen weit über die Grenzen des Betriebs hinaus, stellen eine spezifische Form der politischen Sozialisation dar. Arbeitsplätzen, die gut funktionieren, sind zugleich Orte der Entwicklung von demokratischen Praktiken und Überzeugungen. Ausschließlich instrumentell organisierte Arbeitsplätze werden als Stätten erlebt, in denen Beschäftigte Geringschätzung und Aggression gegenüber anderen und die Konzentration darauf lernen, was sie für das eigene Wohl halten. Wer am Arbeitsplatz lernt, sich allem unterzuordnen, was das Unternehmen haben möchte, oder den Kolleginnen und Kollegen nicht trauen zu können, wird kaum in der öffentlichen und politischen Sphäre Rücksicht und Großzügigkeit aufbringen oder seine demokratischen Rechte in Anspruch nehmen.

Marie Jahodas Antwort auf die Frage, ob der Mensch die Arbeit brauche, ist vielschichtig und hat große Aktualität: „Der Mensch lebt nicht vom Brot allein. Wir brauchen mehr, nicht nur Spiele. Wir brauchen Arbeit unter menschenwürdigen Bedingungen, um vollends Mensch zu sein.“[5]

Weiterführende Literatur und Quellen:

Marie Jahoda; 1988. Wirklich Ende der Arbeitsgesellschaft? Eine Auseinandersetzung mit Hannah Arendt. In: Leopold Rosenmayr, Franz Kolland (Hrsg.): Arbeit – Freizeit – Lebenszeit. Grundlagenforschungen zu Übergängen im Lebenszyklus. Opladen, S. 21–27.
Christophe Dejours, Jean-Philippe Deranty; 2010: The Centrality of Work. In: Critical Horizons, Vol. 11, S. 167-180.

[1] Marie Jahoda, Paul Lazarsfeld und Hans Zeisel; 1975: Die Arbeitslosen von Marienthal. Ein soziographischer Versuch über die Wirkungen langandauernder Arbeitslosigkeit, mit einem Anhang zur Geschichte der Soziographie. Frankfurt a. M.
[2] Marie Jahoda; 1989: Arbeitslose bei der Arbeit. Die Nachfolgestudie zu „Marienthal“ aus dem Jahr 1938. Hrsgg. und mit einer Einführung versehen von Christian Fleck. Frankfurt a. M., New York.
[3] Vgl. dazu Marie Jahoda; 1983: Wieviel Arbeit braucht der Mensch? Arbeit und Arbeitslosigkeit im 20. Jahrhundert. Weinheim und Basel.
[4] Marie Jahoda; 1984: Braucht der Mensch die Arbeit? In: Frank Niess (Hrsg.): Leben wir, um zu arbeiten? Die Arbeitswelt im Umbruch. Köln, S. 11-17, hier S. 12.
[5] Ebd., S. 17