Von freien zu zivilisierten Märkten

Es braucht neue Orientierungsrahmen in der Wirtschaft, weil Geld und Profit oft falsche Wege weisen.

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Wie können wir die Märkte in den Griff kriegen? Mit einem neuen Blickwinkel und klaren Handlungsvorschlägen für dieses schon lange diskutierte Problem wurden die Linzer Ökonomen Jakob Kapeller, Bernhard Schütz und Dennis Tamesberger von einer Jury unter dem Vorsitz von obelpreisträger Joseph Stiglitz ausgezeichnet. Im Zentrum ihres Konzeptes steht ein Wirtschaftssystem, das wieder mit universellen Werten wie Gerechtigkeit, Würde und Fairness im Einklang steht, kurzum ein Wirtschaftssystem das die Zivilisierung der Märkte zum Ziel hat.

Uneingeschränkt unmoralisch

Gerade in einer globalisierten Wirtschaft tendiert der uneingeschränkte Wettbewerb dazu, zentrale Werte des Ansicht PerspektivenZusammenlebens zu untergraben. Wer soziale Verpflichtungen gegenüber anderen vermeidet, schafft sich einenWettbewerbsvorteil. Jene Unternehmen, die in Ländern wie Bangladesch Textilien unter den widrigsten Umständen (katastrophale und gesundheitsschädliche Arbeitsbedingungen an denen regelmäßig Menschen sterben; Kinderarbeit, Lohndumping, Verbot bzw. Kampf gegen gewerkschaftliche Organisationen) produzieren, zählen zu den Markführerinnen der Textilbranche. Sie üben mit ihren niedrigen moralischen Werten Druck auf andere aus, die soziale und ökologische Standards einhalten wollen und damit kostenintensivere Produktionsweisen bevorzugen. Primeark, H&M und Co überfluten den Markt mit ihren Billigprodukten und Wegwerfwaren. Dieser uneingeschränkte Wettbewerb führt in Folge zur Erosion moralischer und sozialer Standards. Die Folgen dieses Phänomens sind allgegenwärtig: Von den Verschlechterungen der Arbeitsbedingungen und Lohndruck, über ökologischen Raubbau und Kinderarbeit, bis hin zu mangelnder Verarbeitung und sinkender Qualität der Produkte zeigt sich diese Abwärtsspirale weltweit.

Doch es geht auch anders

Eine mögliche Form den Markt nach universellen, sozialen Werten auszurichten wird in Japan seit 14 Jahren erfolgreich angewandt – das sogenannte Top-Runner-Programm. Hierbei wurden bestimmte Produktdimensionen, die zwar als gesellschaftlich relevant erachtet werden, jedoch wenig Einfluss auf das individuellen Konsumverhalten haben, aus dem Kostenwettbewerb genommen. Im Zuge des Top-Runner-Programms gibt die japanische Regierung für verschiedene Produktkategorien (z.Bsp. Autos, Klimaanlagen, Kühlschränke, Kochgeräte, Unterhaltungselektronik, andere elektronische Haus haltsgeräte usw.) Energiestandards für eine Periode von 3-10 Jahren vor. Das energieeffizienteste Produkt seiner Klasse gilt daher als Maßstab. Bei Nichteinhaltung der vorgegebenen Standards wird streng vorgegangen: Zunächst unterbreitet das Ministerium den ProduzentInnen einen Vorschlag, kommen sie diesem nicht nach, geht die Behörde damit an die Öffentlichkeit. Sollte die Erfüllung der Standards weiterhin nicht stattfinden führt dies von Strafzahlungen bis hin zum Verkaufsverbot.

Europäische Aufsichtsagentur für Handelswaren

Die Autoren zeigen aber nicht nur die Folgen deregulierter und liberalisierter Märkte auf, sondern entwickeln ein alternatives Handlungsszenario für die Europäische Union. Zentral für Kapeller, Schütz und Tamesberger ist das Konzept einer „Europäischen Aufsichtsagentur für Handelswaren (EACS)“. Für die neu geschaffene Institution sollen die Arbeitsbedingungen, die Produktqualität und der Umwelteinfluss im Produktlebenszyklus (Produktion, Gebrauch, Entsorgung) zu relevanten Kriterien für Produktstandards werden.

Die EACS fußt dabei auf zwei Säulen: Einerseits die Einhaltung von Arbeitsstandard (Division of Adherence of Labor Standards – DALS) sowie andererseits der Sektor für Nachhaltigkeit und Produktqualität (Division for Sustainability and Product Quality – DSPQ). In den Aufgabenbereich des Bereichs Arbeit fallen Aspekte, die sich auf die Kontrolle von Arbeitsbedingungen (Sicherheit, Auswirkungen auf die Gesundheit), ArbeitnehmerInnenrechten (insbesondere die Vereinigungsfreiheit), sozialer Sicherheit und die Entlohnung beziehen. Der Bereich Qualität und Nachhaltigkeit ist hingegen für die Produktqualität und Umweltauswirkungen über den Produktlebenszyklus verantwortlich. Gerade bei Produktqualität muss sich das Interesse auf Fragen der Lebensdauer und (geplanter) Alterung konzentrieren. Im Bereich der ökologischen Auswirkungen stehen Energie effizienz, Abfallvermeidung und die KonsumentInnengesundheit im Fokus. Entscheidend dafür, ob eine Produktklasse unter die Aufsicht dieser Agentur gestellt wird, ist, dass die jeweiligen Produkte in großen Mengen verkauft werden und der Spielraum zur Verbesserung von Produktionsbedingungen oder den genannten Produkteigenschaft en groß ist.

EACS Aufau grafik

Umsetzung: Handelsagentur schafft Arbeitsplätze

Bei den umfangreichen Aufgaben der EACS ist offensichtlich, dass diese von beträchtlicher Größe sein muss, um den notwendigen Einfl uss ausüben zu können. Konkret braucht es eine große Zahl an MitarbeiterInnen sowie damit verbundene hohe finanzielle Ressourcen. Während die DSPQ ihren Sitz innerhalb Europas haben kann, ist es insbesondere für die DALS notwendig, einen Großteil ihrer Standorte und MitarbeiterInnen außerhalb der Europäischen Union zu platzieren. Für den Bereich Arbeit ist es folglich notwendig, eine enge Zusammenarbeit mit den lokalen Regierungen, Organisati onen, mit internationalen Standorten und ExpertInnen, bestehenden Fair-Trade-Siegeln und CSR-Programmen einzugehen.

Was besser wird

Angesichts der erheblichen Arbeitslosigkeit selbst unter höher gebildeten jungen Mzum weiterlesenenschen (vor allem in den Krisenländern) sollte ein Mangel an Personal kein Problem darstellen. Aus diesem Grund gilt es die Sitze der EACS in den Ländern mit der höchsten Arbeitslosenrate (z.B. in Griechenland und Spanien) zu errichten. Klar ist, dass durch diese Maßnahmen die Aufwendungen und Sozialkosten für die Arbeitslosen sinken und auch die KonsumentInnen wie die ArbeiterInnen in den Fabriken von höherer Qualität und besseren Standards einen Nutzen ziehen. Die Implementierung der EACS kann ein Konjunkturpaket darstellen, von dem alle Mitgliedsländer, aber vor allem die Menschen die in der Produktion und Verkauf tätig sind, profi tieren. Durch die vorgeschlagene Institution erhalten Werte wie Gerechtigkeit, Würde und Fairness einen zentralen Stellenwert im Wirtschaftssystem und die Entwicklung von Arbeits- und Lebensbedingungen werden nicht internationalen Märkten überlassen.

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