Selektionsmechanismen bei Kindern im österreichischen Bildungssystem: Eine Frage der Herkunft?

Das österreichische Bildungssystem zeichnet sich durch sehr frühe und starre Selektionsmechanismen aus. Diese Struktur wirkt sich für viele Kinder äußerst nachteilig aus. Zur PDF-Version

Besonders Kinder mit Migrationshintergrund erfahren im österreichischen Bildungssystem schon in jungen Jahren eine klare Benachteiligung, die einschneidende Auswirkungen auf den weiteren Verlauf ihrer Bildungslaufbahn hat. „Wissen ist Macht“ heißt es so schön. Dennoch handelt es sich bei Wissen um eine Ressource, die auch in Österreich nicht jedem Menschen gleichermaßen zur Verfügung steht. Noch heute beeinflussen viele Faktoren die individuelle Bildungsbiographie. Neben dem sozioökonomischen Status oder dem Geschlecht spielt vor allem die Frage der Herkunft eine große Rolle. Zwar besitzen in Österreich mehr Personen mit Migrationshintergrund einen Hochschulabschluss oder die Matura, als dies bei Menschen ohne Migrationshintergrund der Fall ist, auf der anderen Seite verfügt fast ein Drittel davon über keinen oder nur den Pflichtschulabschluss. Der Grund hierfür liegt im Aufbau und der Struktur des österreichischen Schulund Bildungssystems. Die starren Selektionsmechanismen wirken sich gerade bei Kindern, die sowohl mit der Sprache als auch mit der Kultur der heimischen Bildungseinrichtungen weniger vertraut sind, doppelt negativ aus.

Vertikale und horizontale Selektion
Das österreichische Bildungssystem kennt vertikale und horizontale Selektionsprozesse. Unter horizontaler Selektion versteht man eine Trennung auf derselben Ebene. So gehören alle Kinder im sechsten Schuljahr einer Ebene (sechste Schulstufe) an, allerdings besuchen manche von ihnen eine Neue Mittelschule (NMS) und andere ein Gymnasium (AHS). Die vertikale Selektion hingegen bezeichnet eine Teilung zwischen verschiedenen Ebenen. Die frühe Trennung der Kinder in Volksschule und Vorschulstufe wird z. B. als vertikale Selektion bezeichnet. Anhand der vertikalen Selektion in Volksschule und Vorschulstufe sowie der horizontalen Selektion in NMS und AHS, soll der Einfluss des Migrationshintergrundes von Kindern auf diese Selektionsprozesse näher erläutert werden.

Vom Kindergarten in die Volksschule – oder doch in die Vorschulstufe?
Die erste Selektion erfolgt bereits beim Eintritt in die Volksschule. Nicht alle Kinder in Österreich dürfen mit sechs Jahren automatisch die 1. Klasse besuchen. Einige von ihnen müssen ein weiteres Jahr im Kindergarten bleiben oder in der Vorschule die Schulbank drücken. Diese Rückstufung in die Vorschulstufe wird in Österreich verhältnismäßig oft an Kindern mit nicht-deutscher Familiensprache vorgenommen. Tendenz steigend: Hatten im Schuljahr 2006/2007 noch 41,2% aller Kinder in der Vorschulstufe eine nicht-deutsche Familiensprache, waren es 2015/2016 bereits 61,7%. Besonders Kinder mit türkischem oder kosovarischem Migrationshintergrund sind betroffen: Jedes dritte Kind türkischer und jedes vierte Kind kosovarischer Eltern wurde in Österreich in die Vorschulstufe zurückgestuft. Dabei wird die Sinnhaftigkeit dieser Rückstufungen in Studien immer wieder angezweifelt. Es wurde festgestellt, dass sich durch die Rückstufung keine kurz- oder langfristigen Fördereffekte erkennen ließen und etwaige Leistungsnachteile dadurch nicht beseitigt würden. Im Gegenteil: Es zeigte sich in Schulbezirken mit hoher Rückstellungsquote ein Zusammenhang zwischen der Anzahl der rückgestellten Kinder und den frühen BildungsabbrecherInnen. Daneben werden die betroffenen Kinder frühzeitig von ihren AltersgenossInnen stigmatisiert und weiter ausgegrenzt.

Wohin nach der Volksschule?
Es ist unbestritten, dass die Bildungsbiographie eines Kindes mit dem Bildungshintergrund der Eltern zusammenhängt. Trotz gleicher Mathematikkompetenz beträgt die AHS-Übertrittsquote der Kinder von weniger gebildeten Eltern (Pflichtschul- oder Lehrabschluss) nur 24%, während jene der Kinder von akademisch gebildeten Eltern bei 60% liegt. Dies trifft auf alle Kinder gleichermaßen zu. Vergleicht man die AHS-Übertrittsquoten in Österreich nach den Geburtsländern der Mütter, reichen diese von 15% bis 56%. Diese Bandbreite wird unter anderem durch das Bildungsprofil der Eltern begründet. So verfügen z. B. überdurchschnittlich viele Frauen aus Ägypten über einen Hochschulabschluss, während dies bei Frauen aus anderen Herkunftsländern nicht der Fall ist. Zusätzlich lässt sich der hohe AHS-Anteil mancher Herkunftsgruppen auch mit dem Phänomen des immigrant optimism begründen. Eingewanderte Eltern glauben fest daran, dass es ihre Kinder zu etwas bringen werden und legen eine ausgeprägte Bildungsorientierung an den Tag. Hinzu gesellen sich regionale Faktoren. Österreich zeichnet sich im internationalen Vergleich mit dem höchsten Stadt-Land-Gefälle bei der Beteiligung an höheren Schulen aus. Der Besuch eines Gymnasiums ist in Österreich auch mit dem Vorhandensein einer AHS in der jeweiligen Gemeinde/Stadt verbunden. Kinder aus größeren Gemeinden mit ortsansässiger AHS entscheiden sich eher für ein Gymnasium, als dies bei Kindern aus kleineren Gemeinden ohne AHS der Fall wäre. Dieser Effekt trifft auch auf die Kinder jener Herkunftsgruppen zu, die überwiegend am Land oder in der Stadt angesiedelt sind.

Fazit und mögliche Maßnahmen
Es lässt sich festhalten, dass Kinder mit Migrationshintergrund von den frühen und starren Selektionsmechanismen des österreichischen Bildungssystems benachteiligt werden. Zwar trifft dies nicht auf alle Herkunftsgruppen gleichermaßen zu und wird auch von anderen individuellen Faktoren (z. B: elterliches Bildungsprofil) beeinflusst, dennoch stellen die Selektionsmechanismen für jene Kinder eine strukturelle Benachteiligung dar. Gerade der frühe Zeitpunkt der Trennung lässt Kindern z. B. keine Möglichkeit etwaige sprachliche Defizite aufzuholen. Die Vorschulstufe ist dafür zu wenig. Hierbei bedarf es bereits im Kindergarten und auch während der Volksschulzeit vermehrter Fördermaßnahmen. Eine Studie von Baysu und van de Valk (2012) belegt den positiven Einfluss von gemischten Peer-Groups auf die Bildungslaufbahn von Kindern mit Migrationshintergrund. Sie fanden heraus, dass Kinder mit Migrationshintergrund von Freundschaften mit einheimischen Kindern profitierten, indem sie beim Lernen halfen oder sie motivierten mit ihnen gemeinsam eine weiterführende Schule zu besuchen. Dieser Effekt zeigte sich vor allem in Ländern, die über eine Gesamtschule verfügten, besonders deutlich. Die Einführung einer verschränkten Ganztages- und Gesamtschule für alle 6 bis 14-jährige Kinder ist in Österreich schon längst überfällig. Hier können die Kinder gemeinsam lernen und ihre Freizeit verbringen. Dies wirkt sich positiv auf die Lern- und Sozialkompetenz der Kinder aus. Zusätzlich braucht es eine bedarfsgerechte Schulfinanzierung, die bei der Zuweisung von Ressourcen an die Schulstandorte Kriterien, wie etwa den sozioökomischen Hintergrund der Eltern und den Förderungsbedarf der jeweiligen SchülerInnen berücksichtig. Nur so können für alle Kinder die gleichen Voraussetzungen geschaffen werden.

ZUM WEITERLESEN
• Baysu, Gülseli/de Valk, Helga (2012): Navigating the school system in Sweden, Belgium, Austria and Germany: School segregation and second generation school trajectories. In: Ethnicities. 12. Jg., H. 6, S. 776 – 799.
• Herzog-Punzenberger, Barbara (2017): Policy Brief #5: Segregation – oder die Vielfalt in den Schulklassen. Policy Brief aus der Reihe: Migration und Mehrsprachigkeit – Wie fit sind wir für die Vielfalt. Wien.
• Statistik Austria (2018): Mikrozensus-Arbeitskräfteerhebung Jahresdaten. STATcube Statistische Datenbank. http://statcube.at/statcube/home.

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