Neue Daten zur Vermögensverteilung in globaler Perspektive

In Großbritannien beging man ihn am 3. Jänner 2018, in Deutschland am 5. Und am 10.1. in Österreich. Die Rede ist vom „Fat Cat Day“, dem Tag der fetten Katze. Im anglikanischen Sprachgebrauch verweist dieser Tag auf jenen Moment, wo Top-ManagerInnen das Jahresgehalt der durchschnittlichen ArbeitnehmerInnen erwirtschaftet haben. Zur PDF-Version

Im Vereinigten Königreich (£28,758) war dies nach zweieinhalb Arbeitstagen der Fall, in Deutschland (€33.396) nach dreieinhalb und in Österreich (€30.240) dauerte es immerhin sechseinhalb. Diese Diskrepanz zwischen den TopverdienerInnen und dem Durchschnitt ist symptomatisch für die globale Entwicklung. Die ungleiche Verteilung des Wohlstands nimmt weltweit zu. Ein Umstand über den man reden sollte, denn Ungleichheit hat direkten Einfluss auf die Lebensbedingung der Menschen. Eine gerechtere Gesellschaft ist eine glücklichere Gesellschaft, in der alle Bevölkerungsteile bessere Lebensqualität vorfinden und der Konkurrenzdruck nicht zu groß wird. Umgekehrt können ungleiche Gesellschaften leichter gespalten werden und bieten daher Nährboden für nationalistisches, ausgrenzendes Gedankengut.

Der Word Inequality Report

Eine Gruppe rund um den Ökonomen Thomas Piketty hat im Dezember mit dem World Inequality Report 2018 (WIR) das aktuell wichtigste Projekt in der ökonomischen Ungleichheitsforschung veröffentlicht. Gerade seit dem Finanzkollaps ,2007 und der darauffolgenden Krise stößt das Thema Ungleichheit auf immer größeres Interesse. Durch die Occupy Wallstreet Bewegung von 2011 konnte die Ungleichheitsforschung im letzten Jahrzehnt eine breitere Öffentlichkeit erreichen. Der populäre Slogan „Wir sind die 99%“ verweist auf die Tatsache, dass die Reichsten der Reichen ungleich höhere ökonomische Zugewinne verbuchen als der Rest der Gesellschaft. Trotz der Krisenjahre steigerte das reichste Prozent der US Bevölkerung seinen Anteil am gesellschaftlichen Gesamtvermögen zwischen 2007 und 2011 von 37 auf rund 39 Prozent. Im gleichen Zeitraum fiel der Anteil der Mittelschicht von 30 auf 27 Prozent. Bis 1980 wurden die Gewinne des wirtschaftlichen Wachstums gleichmäßiger auf alle Bevölkerungsschichten verteilt. Die darauffolgende Orientierung hin zu einer neoliberalen Wirtschaftspolitik beendete diese Ära der relativen sozialen Gerechtigkeit. Mit dem Finanzkollaps von 2007 gerät das Argument, dass freiere Märkte zwangsläufig zu größerem Reichtum aller Bevölkerungsschichten führen, stärker unter Druck. Aber die großen politischen Linien ändern sich nicht: Der Merksatz: „Gewinne privatisieren, Schulden verstaatlichen“ umschreibt die großen Rettungspakete, die von den Regierungen geschnürt werden, um die Folgen der Krise abzufedern. Gleichzeitig werden notwendige Regulierungen und Reformen des Finanz- und Steuersystems aufgeschoben. Dies führt dazu, dass die Zeit seit der Finanzkrise als ein Jahrzehnt der Umverteilung bezeichnet werden kann – allerdings von unten nach oben. Der WIR ist die direkte Antwort auf diese Entwicklung. Er ist der Versuch, die Mythen des unbedingten Glaubens an den freien Markt mit neuen Fakten aufzuklären.

Was beschreibt der WIR

Der WIR offenbart das Ausmaß der globalen Ungleichheit. Sein Schwerpunkt liegt auf dem neoliberalen Zeitalter seit 1980 bis heute. Die Datensammlung des WIR ist global und zeigt Unterschiede zwischen größeren geographischen Regionen sowie zwischen Nationalstaaten. Weltweite Ungleichheit wird durch zwei Kategorien beschrieben: die Einkommensverteilung und die Vermögensverteilung.

Einkommensverteilung

Die Entwicklung der Einkommensverteilung zeigt unterschiedliche politische Ausgangslagen, vergleicht man beispielsweise Europa wo der soziale Ausgleich einen höheren Stellenwert hat und die traditionell wirtschaftsliberale USA erkennt man verschiedene Systeme. Die Einkommenskonzentration ist 1980 in beiden Regionen fast ident, bis 2016 öffnet sich die Schere in den USA viel weiter als in Europa. Der geringe Zuwachs in Europa verleitet wirtschaftsliberale Kommentatoren oft dazu, den generellen Trend kleinzureden. Dennoch ist er deutlich zu erkennen und die relative Langsamkeit der Entwicklung in Zukunft keineswegs so garantiert.

Vermögensverteilung

Vermögen ist historisch betrachtet immer schon stärker an der Spitze konzentriert als Einkommen. Eine Studie der Universität Linz aus 2017 zeigt, dass in Österreich die ärmsten 50 Prozent der Bevölkerung nur über 2,2% des Gesamtvermögens verfügen. Das zeigt, dass für die überwiegende Mehrheit der Bevölkerung, das Einkommen gerade so reicht um den Lebensunterhalt bestreiten zu können, für den Aufbau von Vermögen reicht das Einkommen nicht. Damit ist klar: Nicht wer fleißig arbeitet wird reich, sondern wer eine gute Erbschaft macht. Im langen Zeitverlauf zeigt sich, dass der Anteil des reichsten Prozents seit Beginn des 20. Jahrhunderts zurückging. Höhere Einkommen und bessere soziale Absicherung durch die Erfolge der ArbeiterInnenbewegung, die Vernichtung großer Vermögenswerte in Kriegszeiten oder die großen Produktivitätsgewinne durch die Industrialisierung sind Gründe dafür. Der einsetzende Neoliberalismus beendete ab den 1980er Jahren diese kurze Phase der wachsenden Gerechtigkeit und gleicheren Verteilung. Gegenwärtig steuert das globale Vermögen wieder in Richtung feudalistischer Ausmaße.

Wie sieht es in Österreich und Deutschland aus?

Österreich und Deutschland sind in der Eurozone die beiden Länder mit der größten Ungleichverteilung. In Deutschland ist das Einkommen viel ungerechter verteilt als in Österreich, es gibt in Deutschland eine größere Zahl an TopverdienerInnen in großen Unternehmen. Im Gegensatz dazu ist das Vermögen in Österreich ungleicher verteilt als bei unseren Nachbarn. Dabei gilt jedoch: Die Reichsten geben bei den offiziellen Befragungen der Nationalbanken ihre tatsächliche Vermögenswerte nur im unbedingt nötigsten Ausmaß an. Die verfügbaren Zahlen sind daher Hochrechnungen und die Dunkelziffer liegt weit höher.

Was hat das alles zu bedeuten?

Die Entwicklungen im zwanzigsten Jahrhundert zeigen, dass Ungleichverteilung nicht zwangsläufig ein Merkmal von Marktwirtschaft sein muss. Selbst wenn absolute Gleichheit ein utopisches Ziel ist, wird deutlich, dass politisches Handeln messbaren Einfluss auf die Entwicklung der Ungleichheit hat. Es war über dreißig Jahre lang möglich, das Wirtschaftswachstum gerecht zu verteilen. Erst die neoliberale Politik der Deregulierung führte zu einer wachsenden Ungleichheit. Das letzte Jahrzehnt zeigte eindrücklich, dass die Vermögenden profitieren, während der überwiegende Teil der Bevölkerung immer weniger am ökonomischen Aufschwung beteiligt ist. Das Geld wird nicht weniger, es konzentriert sich nur an der Spitze. Wenn Wohlstand in den Händen einiger weniger konzentriert ist, bedeutet das automatisch eine Schwächung des Staates. Das öffentliche Kapital schrumpft während die privaten Vermögenswerte anschwellen und die Schulden der Staaten steigen. Die neoliberale Logik des Gesund-Sparens strebt nach einem schlanken Staat. Um diesen zu verwirklichen wird der staatliche Handlungsspielraum immer weiter eingeschränkt und an vielen Ecken und Enden gespart, unter anderem am Sozialstaat. Die Möglichkeiten Märkte zu regulieren und einen Ausgleich zu schaffen wird kleiner, die Ungleichheitsspirale beginnt sich schneller zu drehen.

Was kann man dagegen tun?

Das Team um Thomas Piketty schlägt im World Inequality Report eine Reihe von Maßnahmen vor:

  • Progressive Steuersätze und höhere Besteuerung von Vermögen
  • die Einführung eines globalen Finanzregisters zur Vermeidung von Steuerflucht
  • öffentliche Investitionen in Bildung und Gesundheit anstatt der Austeritätspolitik

Auch wenn sich die eigene Situation noch nicht so drastisch anfühlt, ist es notwendig sich der Ungleichheit bewusst zu sein. Politik bloß im Sinne der Wirtschaft führt zu einer schleichenden Erodierung der sozialen Werte und zur Entsolidarisierung unserer Gesellschaft. Ungleichheit steht in direkter Opposition zu einer offenen und gleichberechtigten sozialen Zukunft – sie hat eine sich selbst verstärkende Wirkung, die es den nachfolgenden Generation immer schwieriger machen wird, den Kreislauf zu durchbrechen. Aber: Eine gerechtere Welt ist möglich, die Geschichte hat es gezeigt.

SOZIALE NETZWERKE

Aktuelle Beiträge