In den 1990er Jahren, also in hohem Alter, beschäftigt sich Marie Jahoda mit dem Phänomen des Nationalismus. Der historische Hintergrund, der diese Frage drängend macht, ist das Aufkommen von vielfältigen nationalistischen Bewegungen. Der Niedergang der Sowjetunion erschüttert die europäische Nachkriegsordnung und führt zu einem Wiederaufleben von nationalistischen Bewegungen in Osteuropa und dem Balkan. Aber auch in den europäischen Zentralstaaten entwickeln sich nationalistische Strömungen als Gegenbewegung gegen die als bedrohlich wahrgenommenen Tendenzen der Globalisierung.

Die Ausgangsfrage

Jahodas Zugang zu diesem Phänomen bezieht sich weniger auf die grundlegenden Debatten, die unter Historikern, Soziologinnen oder Politikwissenschaftler geführt werden. Sie verweist in diesem Zusammenhang lediglich auf die Vielschichtigkeit des Nationalismus. Historisch tritt er als emanzipatorische Idee auf. Die moderne Idee der Nation bringt zum Ausdruck, dass die politische Macht nicht mehr einem Herrscher von Gottes Gnaden zugesprochen, sondern auf die Gesamtheit der Bürger transferiert werden soll. Allerdings artikulieren sich mit dieser Idee auch weniger erfreuliche Phänomene wie Gewalt gegen Fremde, Chauvinismus, Vorstellungen von ethnischer Reinheit. Jahoda interessiert sich angesichts der aktuellen nationalistischen Bewegungen vor allem für eine politisch relevante Frage: Wie ist die Anziehungskraft brutaler nationalistischer Bewegungen auf so viele Menschen zu erklären?[1] Es geht ihr um das sozialpsychologische Verstehen der Tatsache, dass Nationalismus trotz der humanitären Katastrophen nationaler Politik in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts neuerlich in der Lage ist, Menschen zu mobilisieren.

Nationalismus als Identitätselement

Jahodas These ist, dass es eine allgemein menschliche Basis gibt, „die alle Menschen potentiell zu Nationalisten macht. Diese Wurzel ist der lebenslängliche Prozess der Identitätsbildung.“[2] Die Identität eines Menschen bildet sich nicht nur aus seinen eigenen biografischen Handlungen und Überzeugungen, sondern sie gründet sich auch auf die Kollektivität, in die er oder sie hineingeboren wird und aufwächst. Das erste Kollektiv, das ein Kind prägt, ist die Familie. Aber die Familie ist durch und durch geformt durch die Kultur, die sie umgibt. Jeder Mensch übernimmt mit der Kultur seiner Gruppe eine Sprache, Lebensgewohnheiten, ein Gedächtnis, Überzeugungen darüber, wie ein gutes und anerkennenswertes Leben zu führen ist. Die Kultur bedeutet für den Menschen eine zweite Natur. Sie verbindet ihn mit einer Lebensform, die wir als natürlich annehmen und in der wir uns zuhause fühlen. Die Zugehörigkeit zu einer bestimmen Gruppe, die über mehrere Generationen reichende Traditionen verfügt, vermittelt dem Individuum die Überzeugung und das Gefühl, Teil einer Geschichte zu sein, die in die Vergangenheit ebenso wie in die Zukunft reicht.[3] Diese kulturelle oder nationale Identität, wie sie Jahoda bezeichnet, ist nur ein Element der komplexen Identität, die wir uns im Verlauf des Lebens aneignen. Andere Elemente für unsere persönliche Identität beziehen wir aus dem Geschlecht, dem Beruf, den politischen Zugehörigkeiten sowie aus anderen sozialen Kontexten, für die wir uns im biografischen Verlauf engagieren und die wir als bedeutsam anerkennen. Natürlich ist die Nationalität als Identitätselement kein Käfig, von dem wir uns nicht distanzieren könnten. Sie ist aber ein lebensgeschichtlich recht früh erworbenes Element der Identität, von der wir unbewusst und noch vor dem Erwerb eines kritischen Bewusstseins geprägt werden. Insofern sollten wir davon ausgehen, dass sie relativ stabil ist und vielfach im Verborgenen wirkt. Aber das heißt keineswegs, dass das Element der nationalen Identität bei der Identitätsbildung immer im Vordergrund steht und bestimmend wirkt. Die kollektive Identität kann bedeutsam werden, wenn infolge von sozialen Umwälzungen, Prozessen des Wandels die traditionellen Momente der persönlichen Identität fragil und zweifelhaft werden, also in Zeiten von gesellschaftlichen oder auch persönlichen Krisen. „Wenn Demagogen es verstehen an dieses Element zu appellieren, gibt der Anschluss an eine nationalistische Bewegung dem Leben wieder Sinn, bringt Kontakt mit Gleichgesinnten, mit denen man sich wohl und sicher fühlt. Charismatische Führer verstehen, dass das nationale Element universell ist; sie haben Erfolg bei denen, deren nicht-nationale Selbstdefinition unterentwickelt oder untergraben ist.“[4]

Nationale Identitäten sind nicht eindeutig

Indem Jahoda dieses kollektive Moment unserer Identitätsbildung betont, verstößt sie gegen ein Tabu unserer modernen westlichen Kultur.[5] Wir glauben gerne, dass nur die Anderen, die aus den armen und umkämpften Regionen des Globus kommen, in einer kulturellen Identität gefangen sind. Uns selbst sehen wir gerne als Wesen, die kosmopolitisch und global orientiert sind, die ihre Identitäten aus individueller Bildung und Fähigkeit beziehen. In unserer hochgradig individualistisch aufgeladenen Kultur ist es keineswegs zeitgemäß von einer kollektiven Identität zu sprechen. Dennoch macht es Sinn davon auszugehen, dass die verschiedenen Formen des Nationalismus in der persönlichen Identitätsbildung eine gemeinsame, unvermeidliche sozialpsychologische Grundlage haben. „Was aus diesen nationalen Identitäten wird, hängt nicht nur von unkontrollierbaren sozialen und psychologischen Ereignissen ab, sondern auch von der Innen- und Außenpolitik jedes Landes.“[6] Das heißt, dass eine nationale Identität nicht eindeutig ist; sie kann produktiv oder destruktiv, abgrenzend oder weltoffen, hierarchisierend oder kooperativ ausgestaltet sein. Jahoda unterscheidet zwischen Patriotismus und Chauvinismus, zwischen Heimatliebe und Xenophobie.

Der Nationalismus verschärft die Weltprobleme

Die wiederholte historische Erfahrung des 20 Jahrhunderts ist, dass nationale Gefühle für die Sicherung von repressiven und autoritären Herrschaftsansprüchen vereinnahmt werden. Diese Strategie wird von politischen Gruppierungen auch heute noch verfolgt. Ideologisch aufgeladener Nationalismus ermöglicht die Mobilisierung von irrationalem Fremdenhass und ist vielfach mit Verlust von Wirklichkeitssinn verbunden. In der politischen Auseinandersetzung kann mit seiner Hilfe von realen sozialen Problemen abgelenkt werden. Soziale Gerechtigkeit oder Sicherheit sind dann nicht durch eigene Konflikte und soziale Schieflagen bedroht, sondern durch Anwesenheit und Hilfsbedürftigkeit des „Fremden“ in Gestalt von Migranten oder Flüchtlingen. Der Nationalismus, so warnt Marie Jahoda,[7] verschärft in seiner gegenwärtigen Form die Weltprobleme. Es ist wichtig zu erkennen, dass Vorstellungen von einer kulturellen Reinheit wahnsinnige Träume darstellen, die in der modernen Welt nicht zu verwirklichen sind und in der Vergangenheit nicht einmal geträumt wurden, geschweige denn Wirklichkeit waren.

Quellen

[1] Vgl. Marie Jahoda; 1997: Sozialwissenschaft und soziale Realität. In: Friedrich Stadler (Hrsg.): Bausteine wissenschaftlicher Weltauffassung. Lecture Series/Vorträge des Instituts Wiener Kreis, 1992–1995. Wien, New York, S. 41–53, hier 47.
[2] Marie Jahoda; 1997: Nationalismus und Weltprobleme. In: Friedrich Stadler (Hrsg.): Wissenschaft als Kultur. Österreichs Beitrag zur Moderne. Wien, New York, S. 19–27, hier 21.
[3] Vgl. Mario Erdheim; 1993: Das Eigene und das Fremde. Über ethnische Identität. In: Mechtild M. Jansen, Ulrike Prokop (Hrsg.): Fremdenangst und Fremdenfeindlichkeit. Basel, Frankfurt, S. 163-182, hier 163.
[4] Jahoda: Nationalismus, S. 23.
[5] Tzvetan Todorov; 2010: Die Angst vor den Barbaren. Kulturelle Vielfalt versus Kampf der Kulturen. Hamburg, S. 75f.
[6] Jahoda: Nationalismus, S. 24.
[7] Ebd., S. 25f.