Fakten statt Voodoo

Ein kleiner Beitrag zum aktuellen Krisendiskurs, als Reaktion auf einen Kommentar in den OÖN von Wolfgang Braun.

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Sehr geehrter Herr Braun,

ich schreibe Ihnen anlässlich ihres Artikels „E-Mail an…“ vom 8.7.2015. Dabei ist Ihnen wie vielen anderen in der aktuellen Debatte zur Lösung der Finanz und Wirtschaftskrise ein Fehler unterlaufen: Sie setzen auf Voodooökonomie anstatt auf evidenzbasierte und faktenorientierte Politik und Wissenschaft. Mit etwas Recherche stoßen sie sehr schnell auf Veröffentlichungen des IWF, von Wirtschaftsnobelpreisträgern und anderen namhaften ÖkonomInnen verschiedenster Lehrmeinungen, die alle in einem Punkt übereinstimmen: die Sparpolitik der Troika ist gescheitert und hat die soziale und wirtschaftliche Situation in Griechenland verschärft.

Denn ein Blick auf die Zahlen zeigt uns eines sehr klar: Griechenland wurde in den letzten Jahren sehr wohl kaputt gespart. Das Wirtschaftswachstum liegt 25% unter dem Vorkrisenniveau, die Kindersterblichkeit ist um 43% gestiegen, 34% der Bevölkerung sind von Armut betroffen (Österreich: 12%), jeder 4. Grieche ist arbeitslos (2008 nicht mal jeder 12.), 3 Millionen Griechen leben ohne Krankenversicherung. Es gibt viele Beispiele mehr die zeigen, dass diese von außen verordnete Sparpolitik in Griechenland zu einer humanitären Katastrophe geführt hat. Das Nein der Bevölkerung zu dieser Politik ist nicht nur verständlich, sondern auch volkswirtschaftlich vernünftig.

Denn ein grundlegendes Problem der Währungsunion ist das Fehlen einer gemeinsamen europäischen Fiskalpolitik. So führte das deutsche Lohndumping zu einer Verzerrung der Wettbewerbsfähigkeit. Deutschland wurde zum Exportweltmeister, griechische Produkte im Ausland immer teurer. Deutschland hat weit unter seinen Verhältnissen gelebt und die Griechen darüber, das ist aber ein gemeinsames Problem in der Währungsunion. Denn in dem Moment werden die Überschüsse der einen zu den Schulden der anderen, deutsche Überschüsse also zu griechischen Schulden. Dies zu beheben wäre Aufgabe der europäischen Institutionen, doch es wird seit Jahren auf Biegen und Brechen versucht den Zwang der einzelstaatlichen Sparpolitik zu erhalten. So wird das Primat der Politik an einen vermeintlichen Sachzwang abgegeben. Die sozialen Folgen und den entstandenen volkswirtschaftlichen Schaden tragen aber nicht nur die GriechInnen sondern die gesamte europäische Bevölkerung.

Verantwortungsvolle Politik (die auch JournalistInnen betreiben können!) bedeutet auf die Bevölkerung zu hören und Entscheidungen ernst zu nehmen, anstatt die Plattitüden von den „faulen Griechen“ die ihre Hausaufgaben nicht gemacht haben, immer wieder zu wiederholen.

Natürlich kann und muss es verschiedene Perspektiven und Meinungen dazu geben, wie es in Europa weitergehen kann. Aber billige Polemik ohne Fakten und Weitblick bringen uns zu keiner tragfähigen Lösung für die Zukunft.

Mit freundlichen Grüßen,

Dr. Georg Hubmann,

Marie Jahoda – Otto Bauer Institut

P.S.: Hier noch nützliche Links für die Zukunft: www.diekriseverstehen.net bzw. www.diekriseloesen.net

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